Meta-Analysen zur Nonadhärenz - eine Übersicht
Nonadhärenz zählt zu den größten Herausforderungen in der medizinischen Versorgung. Studien zeigen indikationsübergreifend, dass ein erheblicher Teil der Patienten bereits im ersten Therapiejahr die verordnete Therapie nicht mehr wie verordnet umsetzt. Die Angaben in der Grafik basieren auf systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zur Medikamentenadhärenz.
Sie geben Orientierungsgrößen wieder und können je nach Studie, Definition von Adhärenz und verwendeter Messmethode variieren. Details zu den jeweiligen Arbeiten und die Quellenangaben finden Sie weiter unten.
Die dargestellten Werte entsprechen nicht den Therapieabbrüchen. Nonadhärenz umfasst ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: von einer falschen oder unregelmäßigen Einnahme über kürzere oder längere Therapiepausen bis hin zum vollständigen Absetzen eines Arzneimittels.
Zu den möglichen Folgen für die Patienten zählen u. a. eine längere Krankheitsdauer, vermehrte Komplikationen und unnötige Krankenhauseinweisungen. Das drückt sich auch in den direkten Folgekosten der Nonadhärenz von jährlich rund 20 Milliarden Euro (Zahlen für Deutschland) aus (Laschet, H., 2013, 30. Oktober, Mangelnde Therapietreue: Das Milliardengrab. Ärzte Zeitung).
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Hintergrundinformationen zu der Grafik
„Medikamentenadhärenz im ersten Therapiejahr“
Hypertonie:
Eine Metaanalyse von Lemstra und Alsabbagh mit mehr als 1,5 Millionen Patienten zeigt: Nach einem Jahr erfüllten rund 50 % der Patienten die jeweiligen Kriterien für Adhärenz gegenüber ihrer antihypertensiven Medikation.
Quelle:
Lemstra M, Alsabbagh MW. Proportion and risk indicators of nonadherence to antihypertensive therapy: a meta-analysis. Patient Preference and Adherence. 2014;8:211–218. doi:10.2147/PPA.S55382
Herzinfarkt:
Eine systematische Übersichtsarbeit zur medikamentösen Sekundärprävention nach akutem Koronarsyndrom zeigt: Ein Jahr nach dem Ereignis waren im Median noch etwa 65–72 % der Patienten adhärent.
Quelle:
Naderi SH, Bestwick JP, Wald DS. Adherence to drugs that prevent cardiovascular disease: meta-analysis on 376,162 patients. Am J Med. 2012;125(9):882–887.e1. doi:10.1016/j.amjmed.2011.12.013.
Herzinsuffizienz:
Eine Kohortenstudie mit 54.899 Patienten mit neu diagnostizierter Herzinsuffizienz zeigt: Im ersten Jahr waren 42 % der Patienten mit einer Zweifachtherapie gegenüber allen verordneten Wirkstoffklassen adhärent. Bei einer Dreifachtherapie waren es nur noch 5 %.
Quelle:
Böhm M et al. Adherence and persistence to pharmacotherapy in patients with heart failure: a nationwide cohort study, 2014–2020. ESC Heart Failure. 2023;10:527–540.
Glaukom:
Eine Metaanalyse mit Daten von rund 961.000 Glaukompatienten zeigt: Nach einem Jahr waren im Mittel nur 44 % der mit Prostaglandin-Analoga behandelten Patienten adhärent.
Quelle:
Adherence and Persistence on Prostaglandin Analogues for Glaucoma: A Systematic Review and Meta-Analysis. Ophthalmology Glaucoma, 2025.
Osteoporose:
Eine Metaanalyse von 24 Studien zur medikamentösen Osteoporosetherapie zeigt: Nach 7–12 Monaten waren nur noch 43 % der Patienten adhärent.
Quelle:
Kothawala P, Badamgarav E, Ryu S, Miller RM, Halbert RJ. Systematic review and meta-analysis of real-world adherence to drug therapy for osteoporosis. Mayo Clin Proc. 2007;82(12):1493–1501.
COPD:
Eine deutsche Krankenkassenstudie mit 45.937 COPD-Patienten zeigt: Über einen Zeitraum von zwölf Monaten waren 70 % der Patienten gegenüber ihrer Therapie mit langwirksamen COPD-Medikamenten nonadhärent. Als nonadhärent galt eine Medikamentenverfügbarkeit von weniger als 80 %.
Quelle:
Mueller S, Wilke T, Bechtel B, Punekar YS, Mitzner K, Virchow JC. Non-persistence and non-adherence to long-acting COPD medication therapy: A retrospective cohort study based on a large German claims dataset. Respir Med. 2017;122:1–8. doi:10.1016/j.rmed.2016.11.008.
Typ-2-Diabetes:
Eine Kohortenstudie mit 65.340 Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes zeigt: Im ersten Jahr nahmen 46,9 % der Patienten ihre oralen Antidiabetika zu mindestens 80 % wie vorgesehen ein.
Quelle:
First-year oral antidiabetic adherence and long-term complications in newly diagnosed type 2 diabetes. Diabetes Research and Clinical Practice. 2025; doi:10.1016/j.diabres.2025.112405.
Multiple Sklerose:
Eine Metaanalyse von 31 Studien mit 16.398 Patienten mit Multipler Sklerose zeigt: Im ersten Therapiejahr erreichten rund 72 % der Patienten unter oraler krankheitsmodifizierender Therapie eine Adhärenz von mindestens 80 %.
Quelle:
Nicholas JA et al. Real-world adherence to, and persistence with, once- and twice-daily oral disease-modifying drugs in patients with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis. BMC Neurology. 2020;20:281.