Nicht die Nonadhärenz ist das Problem, sondern das Schweigen der Patienten.
Rund die Hälfte der Bevölkerung steht Arzneimitteln grundsätzlich kritisch gegenüber. Ursache ist meist keine mangelnde Information, sondern eine emotionale Überbewertung von Risiken gegenüber dem erwarteten Nutzen. Wird jemand aus dieser Gruppe zum Patienten, entsteht ein erhöhtes Risiko für Nonadhärenz – allerdings nicht unmittelbar.
Zu Beginn einer Behandlung dominiert das wahrgenommene Erkrankungsrisiko. Der Nutzen des Medikaments wird hoch eingeschätzt, mögliche Risiken treten in den Hintergrund. Die Entscheidung fällt klar zugunsten der Therapie aus, die Adhärenz ist in dieser Phase meist gut.
Im weiteren Verlauf der Therapie verändert sich diese Bewertung. Besonders bei chronischen Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder Glaukom, die häufig lange symptomlos verlaufen, verliert das Erkrankungsrisiko subjektiv an Bedeutung. Das eigene Gesundheitsgefühl normalisiert sich, während die anfänglich hohe Nutzenwahrnehmung des Medikaments schrittweise abnimmt. Diese Entwicklung lässt sich jedoch – in unterschiedlicher Ausprägung – bei nahezu allen chronischen Erkrankungen beobachten.
Gleichzeitig wirken im Alltag zahlreiche Impulse, die die kritische Grundhaltung gegenüber Arzneimitteln erneut verstärken. Dazu zählen Medienberichte, Erfahrungsberichte anderer Betroffener oder alltägliche Wahrnehmungen von Nebenwirkungen. Wir bezeichnen diese Einflüsse als „Nonadhärenztrigger“.
Bleiben sie unbeachtet, führen sie früher oder später zu Therapieunterbrechungen oder -abbrüchen. Auffällig ist dabei: Die meisten Patienten sprechen darüber nicht. Der innere Entscheidungsprozess, in dem Zweifel entstehen und sich verfestigen, bleibt für Ärzte und Apotheker weitgehend unsichtbar.
Dass Patienten ihre Zweifel nicht äußern, ist wissenschaftlich gut belegt – allerdings bislang vor allem qualitativ. Hinweise darauf liefern unter anderem Studien zur sogenannten „White-Coat-Adhärenz“, die zeigen, dass Patienten ihr Verhalten im Vorfeld von Arztkontakten gezielt anpassen, ohne ihre tatsächlichen Bedenken offen anzusprechen.
Was bislang kaum bekannt ist, ist der Umfang dieses Schweigens: Wie viele Patienten treffen die Entscheidung zum Absetzen eines Arzneimittels, ohne jemals darüber gesprochen zu haben? Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts hat Peter Jungblut zwischen 2021 und 2024 insgesamt 154 Patienten interviewt, die ihre medikamentöse Therapie innerhalb des ersten Jahres nach Diagnosestellung abgebrochen hatten. Von diesen Patienten hatten lediglich fünf ihre Gedanken und Zweifel zuvor mit einem Arzt oder Apotheker geteilt.